Experteninterview "Nimm das, Prüfungsangst!"

STEIL Online Story April 2017

In der letzten Ausgabe des STEIL beschäftigte sich die Redakteurin Nadja Riahi im Artikel "Nimm das, Prüfungsangst" mit den Ursachen und Folgen von Prüfungsangst. Viele Studierende haben bereits Erfahrung mit diesem speziellen Bereich der Angst gemacht und Nadja hat sich für diesen Artikel auch genauer mit der Psychologin Mag. Karin Busch-Frankl und der Expertin Mag. Dr. Dorothea König von der Universität Wien unterhalten.

Den Artikel zum Thema Prüfungsangst findest du unter:
STEIL April

 

Die Psychologin Mag. Karin Busch-Frankl hat sich unter anderem auf den Bereich der Angst und Panikattacken spezialisiert und einiges an Erfahrung in diesem Gebiet gesammelt. Wir haben bei ihr nachgefragt, wie genau man gegen die Prüfungsangst vorgehen kann.

STEIL: Wodurch entstehen solche Ängste?

Mag. Karin Busch-Frankl: Ängste entstehen häufig aufgrund von Erfahrungen und der folgenden Fehlkonditionierung, das heißt, man macht eine negative Erfahrung und kann sich von diesen Ängsten nicht lösen, sondern überträgt sie auf andere Situationen. Ebenso sind besonders Prüfungsängste mit Erwartungshaltungen und Versagensängsten verbunden. Die Person traut sich selbst nicht zu, eine Sache gut meistern zu können und gerät dadurch unter Stress. Stress oder Angst ist ein von Natur aus ein gesunder Mechanismus, er gibt ein Warnsignal, wann eine Situation gefährlich werden könnte. Die Folgen einer Prüfung werden somit als bedrohlich wahrgenommen. Objektiv stellt keine Prüfung eine lebensbedrohliche Situation dar, somit ist die Reaktion auch meist überdimensional ausgeprägt. Kognitiv wissen die Personen das, emotional ist es jedoch nicht steuerbar.

Wie kann man Prüfungsangst verhindern beziehungsweise behandeln?

Eine erhöhte Ängstlichkeit ist eine Persönlichkeitsdimension und somit nur bis zu einem gewissen Grad steuerbar. Wichtig ist, dass wir uns bewusst werden, dass unser Gedanken direkt Einfluss auf unsere Gefühle nehmen. So wie ich denke, so fühle ich auch. Bewerte ich eine Situation als ungefährlich, werde ich auch keine negativen Gefühle entwickeln. Behandlung setzt genau da an, alte Glaubenssätze, wie zum Beispiel „Ich bin zu dumm für die Prüfung“, neu zu programmieren. Man hinterfragt, wie und wann man solche negativen Gedanken entwickelt hat und ob diese der Realität entsprechen. Weiters gibt es in der Behandlung diverse Entspannungstechniken, wie die progressive Muskelentspannung oder das Biofeedback, die trainiert werden können. Gerne übe ich auch mit meinen Patienten und Patientinnen die Technik der „Ankerlegung“. Dabei werden positive Gedankeninhalte mit körperlichen Aktivitäten verbunden und sollen in Stresssituationen durch das Tun der körperlichen Aktivität, welche zuvor geübt werden muss, zur Entspannung beitragen.

Worauf sollten Studierende achten, die bereits mit Prüfungsängsten konfrontiert waren?

Wenn ein Leidensdruck da ist, nicht zu lange zu warten und sich rasch Hilfe holen. Ängste werden meist mehr und es wird in der Behandlung dann langwieriger. Davon abgesehen, ist es wichtig, dass genügend Schlaf vor Prüfungen gesichert ist. Ebenso sollte man nicht vergessen zu Trinken und zu Essen und nicht bis zur letzten Minute vor Prüfungen zu lernen.

 

 

Mag. Dr. Dorothea König ist Senior Lecturer an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Als Expertin haben wir sie um ihre Einschätzung gebeten, wie man mit dieser Angst umgehen sollte und wie sich Prüfungsangst in den letzten Jahren verändert hat.

STEIL: Wie hat sich Prüfungsangst bei Studierenden in den letzten Jahren verändert?

Mag. Dr. Dorothea König: Die Auftrittshäufigkeit der starken, also behandlungsbedürftigen Prüfungsangst unterliegt sicherlich keinen erheblichen Schwankungen, auch wenn es zur Verbreitung der Prüfungsangst nur sehr wenige Studien gibt. In den letzten Jahren kann bei Studierenden aber durchaus ein zunehmender Leistungsdruck beobachtet werden – nur die besten Noten zählen, die Note Gut wird häufig schon als „schlecht“ empfunden. Dies hängt wohl stark mit universitären Aufnahmebeschränkungen für Bachelor- und Masterstudiengänge zusammen. Dieser Druck kann Nervosität und auch Prüfungsängstlichkeit fördern und verstärken.

Wie soll man als Betroffener mit der Angst umgehen?

Mögliche Strategien zum Umgang mit Prüfungsangst setzen insbesondere bereits bei der Prüfungsvorbereitung an. So kann es hilfreich sein, Lerntechniken zu optimieren, Anforderungen und erforderliches Lernpensum klarer einzuschätzen, eigene negative Vorstellungen und Bewertungen zu überdenken, auf einen guten Ausgleich in der Freizeit zu achten, körperliche Anspannung durch Entspannungsübungen zu reduzieren und gedanklich oder real mit Kollegen Prüfungssituationen zu trainieren. Für von starker Prüfungsangst Betroffene ist es empfehlenswert, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

 

Wir bedanken uns herzlichst für die Unterstützung bei Mag. Karin Busch-Frankl (www.psychologin-wien.at) und Mag. Dr. Dorothea König (https://homepage.univie.ac.at/dorothea.koenig/).

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Story von Sebastian Steiner


Montag, 24.04.2017 um 14:37

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