Der Student als Ware

STEIL Story April 2016

Die WU braucht Geld, offeriert Stiftungslehrstühle und lässt sich Institute und Räume sponsern. Doch wie viel Werbung verträgt ein Campus, darf eine Universität seine Studierenden als Werbekunden verkaufen und nehmen Unternehmen nicht doch Einfluss die Lehre?

 

Pamela Forster und Lin Jung rennen über den Campus, als würde die wichtigste Prüfung ihres Studiums in einer Minute beginnen. Vor dem Teaching Center macht Lin plötzlich ihren ersten Salto, landet und sprintet weiter. Fast synchron startet Pamela einen Flickflack – nur wenige Zentimeter springt sie am Kameramann vorbei. Doch der Regisseur ist noch nicht zufrieden, gleich werden die beiden Freerunnerinnen noch einmal von vorne starten müssen. Der TV-Spot soll perfekt werden. Schließlich hat A1 viele Tausend Euro bezahlt, um am WU Campus drehen zu dürfen.

Das ausgefallene Design internationaler Stararchitekten und die vielen jungen Wirtschaftsstudenten versprühen Innovation, Fortschritt und Lebensfreude zugleich. Genau das, was die Marketingexperten großer Unternehmen suchen. Obendrauf gibt es mit über 23.000 WU-Studierenden eine höchst attraktive Zielgruppe: kaufkräftig, markenaffin, die A-Schicht-Käufer von morgen. Die WU kennt den Wert ihrer Studierenden und weiß den neuen Campus optimal zu nutzen.

Allein durch Hörsaalsponsoring macht sie inzwischen 1,4 Millionen Euro pro Jahr, 2012 waren es weniger als ein Drittel. Hinzu kommen 1,85 Millionen durch Spenden, Widmungen, Schenkungen, Förderungen und Stiftungsprofessuren. Die Einnahmen durch die Vermietung von Hörsälen, dem LC-Forum und Drehgenehmigungen sind da nicht miteinberechnet. Geld, das die WU dringend braucht, denn nach der letzten Leistungsvereinbarung im November sprach Rektorin Hanappi-Egger von »finanziell angespannten Zeiten«, die auf die WU zukämen. Sogenannte ›Drittmittel‹ sind zur wichtigen Einnahmequelle geworden.

Inzwischen stammen mit 597,5 Mio. Euro über 16 Prozent aller Einnahmen österreichischer Universitäten aus Drittmitteln, an der WU sind es mit nur 10 Prozent vergleichsweise wenig. Laut dem ›Forschungs- und Technologiebericht 2015‹ stiegen die Drittmittelerlöse österreichweit von 2007 auf 2013 um 47,1 Prozent. Jeder fünfte Uni-Beschäftigte ist inzwischen über Drittmittel angestellt. Wobei zu berücksichtigen ist, dass der größte Anteil an Drittmitteln aus öffentlichen Geldern wie dem Wissenschaftsfonds (FWF), der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), dem Bund sowie der EU und nur 155,4 Mio. Euro, also rund ein Viertel aller Drittmittel, von Unternehmen stammt.

Wenn man über Leistungsvereinbarungen in Milliardenhöhe spricht, klingen wenige hundert Millionen Euro beinahe unbedeutend und doch bekamen die WU-Studierenden bereits die ersten Konsequenzen zu spüren. Am neuen Campus wollte die WU plötzlich sämtliche Studentenevents, wie das Campus Fest, den Cocktailstand oder die alljährlichen Glühweinstände, verbieten. Denn ausgelassen feiernde Studierende stören das Highclass-Image dieses architektonischen Meisterwerks. Die ÖH WU musste die gesetzlich verankerten Rechte der Studierenden erst erstreiten. So konnte der WU Campus von den Studierenden zurückerobert werden.

Doch auch bei Raumbuchungen für Studierendenevents muss sich die ÖH WU noch immer Monate im Voraus anmelden und hat nur eine stark limitierte Auswahl an Buchungsmöglichkeiten. Das LC Forum, das Audimax oder die Videoräume sind sehr beliebt bei großen Unternehmen und bringen Miet-Ein- nahmen von bis zu 3.900 € pro Tag.

Da müssen die Studierenden auch mal zurückstecken. ÖH WU Vorsitzender Werner Neuwirth bezieht zum Thema Drittmittelfinanzierung klare Position:

Da die WU stark unterfinanziert ist, begrüßen wir das Bemühen um Drittmittel. Doch da wir Studierenden häufig die Zielgruppe von Sponsoren sind, müssen Drittmittel zu hundert Prozent in unsere Ausbildung investiert werden.

Lukas Fanninger
Vorsitzender ÖH WU
Aktionsgemeinschaft WU

 

Leider fehlt es sowohl bei Ein- wie auch Ausgaben österreichischer Universitäten an Transparenz, denn in Österreich sind die Universitäten bisher nicht verpflichtet, die Vertragspartner ihrer Drittmittelprojekte offenzulegen. Die Zusammensetzung der Drittmittel wird lediglich in ihrer Wissensbilanz nach groben Kategorien erfasst.

›Transparency International‹, eine weltweit agierende NGO, die sich gegen Korruptionsbekämpfung einsetzt, forderte zuletzt beim Forum Alpbach 2015 mehr Transparenz bei privaten Mitteln für Hochschulen. Eine Forderung, die seit dem Forschungsskandal 2013 immer häufiger zu hören ist. Damals deckte die ›Wiener Zeitung‹ in Zusammenarbeit mit dem deutschen Radiosender ›NDR Info‹ auf, dass österreichische Universitäten seit 2009 rund 8,8 Millionen Euro vom US-Verteidigungsministerium erhalten hatten, obwohl Forschungen zu militärischen Zwecken im neutralen Österreich eigentlich verboten sind. Da es in den meistens Projekten um Quantenforschung der Physik ging, war die Wirtschaftsuniversität nicht involviert.

In Deutschland waren die Ausmaße noch wesentlich dramatischer. 10 Millionen Dollar zahlte das Pentagon seit 2000 an deutsche Unis. Die HU Berlin hortete 25 Millionen Euro an Drittmitteln, die sie in der Buchhaltung kreativ verschleierte. Das Geld stammte unter anderem aus einem Kooperationsvertrag mit der Deutschen Bank. Er sah ein vertraglich vereinbartes Mitspracherecht bei der Besetzung der Professuren vor, so hatte die Bank klaren Einfluss auf die Lehre an der Berliner Universität. Auch das Land Aserbaidschan erkaufte sich hier für 75 Tausend Euro eine Professur, die die umstrittene Geschichte des Landes positiv darstellen sollte. Aber auch im Rest Deutschlands nehmen Unternehmen immer mehr Einfluss. So zahlte der Energieversorger ›E.on‹ 40 Millionen Euro für ein Forschungsinstitut an der RWTH Aachen. Laut dem deutschen Stifterverband sponserten Unternehmen bereits im Jahr 2010 deutsche Universitäten mit 1,2 Milliarden Euro. Bedenkt man die starken Wachstumsraten der Drittmittel in den vergangenen Jahren, kann man inzwischen von fast der doppelten Summe ausgehen.

Auch an der WU lernen wir im ›OMV Bibliothekszentrum‹, zugleich wurde das ›Institut für Social Entrepreneurship, Sustainability and Performance Management‹ inklusive eines Stiftungslehrstuhls vom Konzern finanziert. Über die Höhe der Gelder wird seit dem Start der Kooperation im Jahr 2013 geschwiegen. Bekannt ist, dass der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (HVB), die Stadt Wien und die VAMED AG um 1,5 Mio. Euro eine Stiftungsprofessur für Gesundheitsökonomie am Department für Sozioökonomie finanziert haben. Ziel ist, langfristig die Gesundheitsökonomie als wissenschaftliches Fach an der WU zu verankern. Die Trägerschaft des Lehrstuhls ›Entrepreneurship & Innovation‹ teilen sich seit sieben Jahren die Bank Austria Creditanstalt, die Berndorf AG, die Oesterreichische Nationalbank, die Wirtschaftskammer Wien sowie die Wirtschaftskammern Österreichs. Den Unternehmen und Organisationen geht es in diesem Fall primär um den Imagegewinn. Die WU wirbt auf ihrer Website ganz offen mit den Vorzügen eines solchen Stiftungslehrstuhls: »Die Finanzierung eines Stiftungslehrstuhles, einer Stiftungsprofessur bietet eine Möglichkeit, die Vernetzung zwischen Unternehmen und Universität zu verstärken.« Bei einer Förderung bietet sie unter anderem die Umbenennung des geförderten Lehrstuhls, intensiven Kontakt zur ›scientific community‹, Vergabe von wissenschaftlichen Themenstellungen an Master- und Bachelorstudierende und Zugang zu Studierenden im Rahmen von Seminaren und Vorträgen. Die Unternehmen hätten so nicht nur einen Imagegewinn, sie könnten auch für Absolventen »in einem für sie besonders interessanten Fachbereich sorgen.«

Die Aufgabe der ÖH WU ist hier ganz klar, die Interessen der Studierenden zu wahren. Eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen ist als Wirtschaftsuniversität durchaus auch im Interesse der Studierenden, denn auf diese Weise werden Vorlesungen praxisnaher. Auch Absolventen profitieren von den Jobangeboten, die sie vielleicht schon während ihrer letzten Seminare erhalten. Ein attraktiver Campus, der Innovation und Fortschritt präsentiert und mit dem sich Unternehmen in ihren Werbespots schmücken, trägt positiv zum guten, internationalen Ruf der Universität bei und schadet unserem Abschluss sicher nicht. Um das hohe Niveau der WU zu halten und weiter auszubauen, benötigt sie Drittmittel – wer versteht das besser als wir Wirtschaftsstudierende? Zugleich werden wir, die ÖH WU, dafür sorgen, dass der Campus in erster Linie den Studierenden dient, dass wir nicht zur Ware werden und kein Unternehmen Einfluss auf die Freiheit der Lehre nimmt. Wir werden der WU auch weiterhin ganz genau auf die Finger schauen und für ein maximales Maß an Transparenz sorgen.

 

_______________________________

story von Bastian Geßlein


Freitag, 01.04.2016 um 18:00

Teilen

Nichts verpassen!

WU Flash - ein Newsletter alle Infos

Danke für Deine Anmeldung!